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Geschichte der großen Orgel der Kirche Saint-Eustache

Die erste Orgel von Saint-Eustache wurde 1559 durch den Orgelbauer Josselin aus Rouen zu einem Zeitpunkt erbaut, als die Kirche noch gar nicht vollendet war. Der Aufstellungsort dieses Instrumentes innerhalb der Kirche ist nicht überliefert. Nach einigen Veränderungen und Vergrößerungen durch verschiedene Orgelbauer findet das Werk 1626 seinen Platz über dem Kirchenportal an der rue du jour.

Durch den Einbau zweier Kapellen im Jahre 1665 (Colbert) kam es zu Erdabsenkungen unterhalb des Portals. Daraufhin wurde die Fassade abgebrochen. Die erste Orgel von Saint-Eustache verschwand vermutlich in diesem Zuge. Es dauerte bis 1788, als nach Fertigstellung der neuen Fassade an den Neubau einer Orgel gedacht werden konnte. Leider verhinderte der Ausbruch der Französischen Revolution dieses Vorhaben.

Nach Wiedereinführung des Gottesdienstes im Jahre 1801 wurde der Neuerwerb eines Instrumentes notwendig. Damals ergab sich die Möglichkeit, die Orgel der Abteikirche Saint-Germain-des-Prés zu übernehmen. Dieser Übernahme wurde unter zwei Bedingungen zugestimmt. Erstens hatte die Gemeinde von Saint-Eustache die gesamten Kosten des Umzugs zu übernehmen, zweitens sollte die Orgel sofort zurückgegeben werden, wenn die Gemeinde von Saint-Germain-des-Prés danach verlangte. Die zweite Bedingung wurde niemals erfüllt.

Der Orgelbauer Pierre-François Dallery übernahm die Aufgabe und verwendete einen großen Teil des Pfeifenwerks der Orgelbauer Alexandre und François Thierry sowie Brocard und schaffte ein großes Instrument mit 42 Registern verteilt auf vier Manuale und Pedal.
Die Orgel wurde im Januar 1802 eingeweiht. Ihr Zustand verschlechterte sich allerdings rapide, sodass derselbe Dallery zwischen 1816 und 1820 eine vollständige Restaurierung ausführen musste. Das Instrument blieb bis 1841 erhalten.

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Allerdings wurde die Orgel bald als altmodisch und nicht mehr dem Zeitgeschmack entsprechend eingestuft. Der damalige Organist Félix Danjou schlug ein ehrgeiziges Projekt vor, das angenommen und von 1841-44 durch die Orgelbaufirma Daublaine und Callinet realisiert wurde. Diese Orgel besaß nun 69 Register verteilt auf vier Manuale und (extrem selten) zwei Pedale, ein sogenanntes französisches und ein deutsches.

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Charles Barker, der der Nachwelt durch die geniale Erfindung der Barkermaschine in Erinnerung geblieben ist (diese erlaubt dem Spieler das Spiel auf gekoppelten Manualen ohne Erhöhung des Tastenwiderstands), war damals Werkstattleiter der Firma Daublaine et Callinet und war an der Konzeption und Umsetzung des neuen Meisterwerks beteiligt.
Nur sechs Monate nach Einweihung der neuen Orgel fiel Barker am 16. Dezember während Wartungsarbeiten durch eine ungeschickte Bewegung eine Öllampe an eine unzugängliche Stelle innerhalb der Orgel, wo diese weiterbrannte. Ihre Flamme setzte die Mechanik in Brand und griff rasch auf das gesamte Instrument über. Barker konnte gerade noch rechtzeitig flüchten und Hilfe herbeirufen.
Doch schon kurze Zeit später kam jede Hilfe zu spät, die Orgel brannte lichterloh und das Pfeifenmetall ergoss sich in lavaartigen Strömen ins Kirchenschiff.

Das Gehäuse, das einst der ganze Stolz der Gemeinde gewesen war, war nur noch ein glühender Haufen verkohlten Holzes. Die Orgel von Saint-Eustache existierte nicht mehr.

Nach diesem Schock dauerte es bis 1849, ehe an einen Neubau gedacht werden konnte. Dieser wurde 1854 abgeschlossen. Das noch heute erhaltene, vom Architekten Victor Baltard entworfene Gehäuse, ist ein Meisterwerk in sich. Monumental und gigantisch in seinen Ausmaßen ist es wie mit seinen vielen Fabelwesen, Greifvögeln und grimassenschneidenden Wesen eine Ode an die Natur, eine fantastische himmlische Fauna über unseren Köpfen, die stumm über dem göttlichen Kult thront. Das Gehäuse wird durch eine imposante Heilige Cäcilie (die Patronin der Musik) gekrönt und eingerahmt von einem zürnenden Saul, immer bereit, seinen Speer einzusetzen und einem David, der ihn mithilfe seiner Zither zu besänftigen versucht.

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Das eigentliche Instrument wurde durch die Firma Ducroquet vollendet, welche die Firma Daublaine et Callinet übernommen hatte, die nach dem verheerenden Brand ruiniert war. Dieses Instrument besaß 68 Register auf vier Manualen und Pedal und versah seinen Dienst bis 1871, als es während der Pariser Commune teilweise zerstört wurde.

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Im Jahre 1876 akzeptierte die Gemeinde einen Entwurf von Joseph Merklin für einen Neubau. Er schlug ein Instrument mit 72 Registern auf vier Manualen und Pedal vor. Es gibt zahlreiche Zeugnisse, die dieses Instrument rühmen. Es verwundert nicht, dass Merklin sich bei diesem Neubau die allergrößte Mühe gab, da zu diesem Zeitpunkt fast alle großen Neubauaufträge an seinen Konkurrenten Aristide Cavaillé-Coll vergeben wurden.

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Dieses Instrument scheint tatsächlich bis 1926 ohne Unterbrechung funktioniert zu haben, bis der damalige Organist Joseph Bonnet eine bedeutende Restaurierung und Modernisierung des Instrumentes wünschte. Das 20. Jahrhundert brachte große Veränderungen im Orgelbau mit sich, man war auf der Suche nach größerer Klarheit und Helligkeit, wollte sich aber auch die Möglichkeiten der Elektrizität zunutze machen.

Die Orgelbaufirma Rickenbach unterbreitete ein Angebot, das Bonnet sofort begeisterte. Sie schlug vor, die mechanische Traktur gegen eine elektropneumatische auszutauschen, einen neuen Spieltisch zu bauen  sowie den Einbau einiger neuer Register wie zum Beispiel das berühmte Bassethorn des englischen Orgelbauers Henry Willis vorzunehmen.

Aber auch dieses Projekt war nicht von Erfolg gekrönt: nach vierjähriger Verzögerung wurde die Firma Rickenbach aufgelöst und der Umbau 1931 an die Firma Gonzalez übertragen.

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Wie bereits vorgesehen wurde die Elektrifizierung des Instrumentes vorangetrieben; es hatte nun 84 Register und wurde 1932 eingeweiht. Im Jahre 1945 wurde André Marchal der Organistenposten anvertraut. Er realisierte mit der Firma Gonzalez bis 1963 verschiedene Veränderungen, die die klangliche Palette der Orgel erweitern sollten.

1963 war dann eine umfangreiche Überholung des Instruments notwendig. André Marchal wollte auch diese Arbeiten erneut durch Gonzalez ausführen lassen. Die Stadt Paris entschied indes anders und betraute Jean Hermann mit der Aufgabe, was die sofortige Amtsniederlegung durch Marchal zur Folge hatte.

Es ist eine Ironie des Schicksals, dass der Orgelbauer Jean Hermann während der Arbeiten in Saint-Eustache überraschend verstarb und Firma Gonzalez wieder das Projekt übernahm. Da Marchal aber bereits gekündigt hatte, übernahm Jean Guillou 1963 das Organistenamt.

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Die Orgel hatte mittlerweile 102 Register auf fünf Manualen und besaß zwei Spieltische, einen auf der Empore und einen im Kirchenschiff. Der Zustand der Orgel verschlechterte sich rasch, sodass die Orgel 1977 stillgelegt werden musste, weil die marode Elektrotechnik eine erhebliche Brandlast darstellte.

1978 stimmte die Orgelbaukommission der Stadt Paris einem sehr ambitionierten Projekt der Firma Dunand zu, die eine rein mechanische Orgel mit über 100 Registern innerhalb des bestehenden Gehäuses bauen wollte. Die Orgel sollte 1980 fertig werden, aber nach sechs Jahren Verzögerung war immer noch nichts geschehen. Der Vertrag mit der Firma Dunand wurde daraufhin gelöst und führte letztlich zur Auflösung der Firma.

So kam es zu einer Neuausschreibung des Projektes, die die Firma Van den Heuvel aus Dordrecht für sich entschied. Diese hatten ein Instrument mit 101 Registern im bestehenden Gehäuse vorgeschlagen.

 

Das vom Pariser Orgelsachverständigen Jean-Louis Coignet entworfene Instrument versteht sich als Mittler zwischen Tradition und Moderne. Während es viele Charakteristika der französisch-symphonischen Orgel enthält, konnten viele Ideen von Jean Guillou aufgenommen werden, die dem Instrument eine riesige klangliche Palette und außerordentliche Persönlichkeit verleihen. Die mechanische Orgel mit Unterstützung einer Barkermaschine verfügt über zwei Spieltische. Der Spieltisch auf der Empore dient zur Begleitung der Gottesdienste, während der zweite im Kirchenschiff für Konzerte genutzt wird.

Jean Guillou blieb bis zu seinem Ruhestand im Jahre 2015 Titularorganist, ehe Baptiste-Florian Marle-Ouvrard und Thomas Ospital als neue Titularorganisten ernannt wurden.
 

Thomas Ospital
Übersetzung: Tobias Götting

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